Epiphanias

Spätestens wenn man einmal früh morgens — noch schlaftrunken und kraftlos — in den leeren Kühlschrank greift und der Traum vom heilvollen Frühstückskaffee jäh platzt, weil man vergessen hat, frische Milch zu kaufen, sollte man sich die gesetzlich verankerten Heute-bleibt-der-Billa-zu-Tage fett im Kalender anstreichen.

Der 6. Jänner ist in Österreich ein solcher Tag: ein gesetzlicher Feiertag. Aber was feiern wir an diesem Tag eigentlich?

Man könnte meinen, die Antwort liegt bereits im Namen: Dreikönigstag. Aber weit gefehlt, denn die Geschichte von den Heiligen Drei Königen, nach denen der Tag benannt wurde, ist alles andere als gut belegt. Aus der Handvoll Reisenden, die sich im Matthäusevangelium als Magier bzw. Priester (von gr. Μάγοι, magoi) auf den Weg nach Bethlehem machten, um dort das Jesuskind zu besuchen, wurden im Laufe der Jahrhunderte (genau) drei (männliche) Könige, deren Zahl und nachträgliche Krönung man mit dem Wert der (genau) drei Geschenke, von denen im Neuen Testament die Rede ist (Gold, Weihrauch und Myrrhe), rechtfertigte. Heilig gesprochen wurden die drei legendenumwobenen Gefährten allerdings nie.

Aber egal, ob wir nun zweier, dreier oder vierer Magier, Priester oder Könige, Sterndeuter oder Sterndeuterinnen gedenken — der Festtag diente bis ins 4. Jahrhundert ohnehin nicht den weisen Wanderern (oder Wanderinnen), sondern schlicht und einfach der Ankunft Christi auf der Erde, was in der vom Griechischen abgeleiteten Bezeichnung Epiphanias (von gr ἐπιφάνεια epipháneia, latinisiert epiphanīa „Erscheinung“) zum Ausdruck kommt. Das Datum dürfte auf ein noch älteres Geburtsfest, das des ägyptischen Gotts Aion, zurückgehen. Erst als das Weihnachtsfest auf den 25. Dezember verlegt wurde, traten die Sterndeuter auf den Plan, um den entleerten Feiertag wieder mit Sinn zu erfüllen. In den orthodoxen Kirchen ist bis heute der 6. Jänner der Tag der „Erscheinung des Herrn“ geblieben. In Italien beschert die Hexe Befana (brave) Kinder an diesem Tag; eine Figur, deren Name sich noch vom Fest ableitet. Auch in Spanien und auf den kanarischen Inseln wird Weihnachten am Dreikönigstag gefeiert.

Nicht viele der Traditionen, die diesen Feiertag im Laufe der Jahrhunderte gekennzeichnet haben, haben sich bis zum heutigen Tag gehalten. Eine moderne Variante der heidnischen Heischebräuche prägt allerdings heute noch die Zeit zwischen Neujahr und Epiphanias. Jedes Jahr ziehen junge Sternsinger durch die Straßen, um gegen eine freiwillige Unterstützung sozialer Projekte in Form einer Spende die Wohnungen und Häuser der Menschen zu segnen. Böse Zungen würden sagen, allein um das Mysterium rund um die Geburt des Jesu aufrecht zu erhalten. Denn viel mehr noch als die Legende der Weisen bereitet heute der mit geweihter Kreide an die Türpfosten geschriebene Schriftzug (20 C+M+B 17) Kopfzerbrechen. Wer kennt es nicht, das zermürbende Henne-Ei-Problem? Hier konkurrieren nämlich zwei Interpretationen um Originalität: Liest man das Gemalte nun als Andenken der „Könige“ — Caspar, Melchior und Balthasar — oder als den vermeintlich frühchristlichen Segensspruch „Christus mansionem benedicat“ („Christus segne dieses Heim.“)? Fehlenden Zeugnissen zufolge scheint es sich bei letzterem allerdings nur um eine nachträgliche Umdeutung aus den 1960er Jahren zu handeln, deren Zweck es war, der wilden „We were here!“-Bekundung eine raffiniertere Wendung zu geben.

Gebracht haben uns diesen Brauch aber nicht die magoi aus dem Morgenland. Es handelt sich dabei um einen alten, formlosen Abwehrsegen aus vorchristlicher Zeit, mit dem bereits lange Zeit vor dem vermeintlichen Reiseantritt der Gelehrten böse Geister von Haus und Hof abgehalten werden sollten.

Den weniger ängstlichen, aber dafür umso süßeren Mitgliedern der christlichen Glaubensgemeinschaft präsentiert man statt Musik und Kreidestaub lieber einen Dreikönigskuchen. Mit ein bisschen Glück findet man darin eine eingebackene Bohne und darf selbst für einen Tag König oder — zum Glück! — Königin sein.

Ein großes Stück „Comfort Food“ ist dieses Wochenende aber unabhängig von persönlichen Glaubensgrundsätzen erlaubt, denn das Wetter hält sich heuer augenscheinlich (und wangenerrötend und ohreneinfrierend und zehenerstarrend) an die gar nicht so biblische Weissagung des Volksmunds, der da prophezeit: „Ist bis Dreikönig kein Winter, folgt keiner dahinter.“ Mit Temperaturen weit unter 0 hat der gute, alte Frost also gerade noch rechtzeitig die Kurve gekratzt und uns damit ein paar weitere kalte Wintermonate beschert.