Was ist gendersensible Sprache?

Liebe Leserinnen, Frauinnen sind natürlich vollwertige Mitgliederinnen einer modernen Gesellschaftinnen wie Österreichinnen.

Klingt absurd? Ist aber nicht weit von der Kritik entfernt, auf die unser heutiges Thema stößt: gendersensible Sprache.

Deutsch hat unzählige Möglichkeiten, gendersensibel zu formulieren. Die einen schreiben ein Binnen-l, die anderen die Gender Gap oder mittlerweile auch das Gendersternchen. Aber auch Verdopplungen wie Hörerinnen und Hörer oder Neutralisierungen wie Liebe Hörerschaft sind denk- und sagbar. Nur fehlt bisher ein einheitliches Regelwerk zum standardisieren Gebrauch. Ein Grund unter vielen, warum hier in den letzten Jahren ein regelrechter Kampf zwischen Befürwortern und Kritikern gendersensibler Sprache entfacht ist.

Denn so unterschiedlich die Formen der gendersensibler Sprache sind, so unterschiedlich sind auch die Reaktionen darauf. Während auf der einen Seite viele öffentliche Einrichtungen eigene Richtlinien herausgebracht haben, und sich immer mehr Medienhäuser und öffentliche Personen an diese halten, stehen auf der anderen Seite jene, die im Versuch, gendersensibel zu formulieren, einen enormen und noch dazu sinnlosen Eingriff in ihre Sprache und ihr Sprechen sehen.

Der Verein für Deutsche Sprache will schon seit Jahren mit einer Petition den “Gender-Unfug” stoppen. Vergeblich übrigens. Währenddessen titelt die österreichische Tageszeitung Krone regelmäßig mit “Genderwahnsinn” und so weiter.

Widerstand gegen die Verwendung gendersensibler Sprache kommt natürlich vor allem auch aus der Politik, die diese Debatte bereitwillig für parteistrategische Zwecke instrumentalisiert. Die Problematik wird stark vereinfacht, auf einige wenige Reizthemen reduziert und möglichst polemisch dargestellt.

Deswegen ist es umso wichtiger, die Genderfrage nicht zu einer Identitätsfrage zu machen, also Menschen im persönlichen oder öffentlichen Umfeld nicht je nach vertretener Ansicht ins eine oder andere politische Lager zu stellen.

Sprache ist etwas sehr Persönliches und etwas sehr Emotionales. Ich kenne das gut aus meinem eigenen Arbeitsalltag.

Im Sprachunterricht hat man es immer mit Expert*innen zu tun.

Wir alle haben das Gefühl, zumindest unsere Erstsprache oder unsere Erstsprachen zu beherrschen, und zwar im doppelten Sinne. Beherrschen, weil uns das Sprechen nicht schwerfällt, wir denken im Alltag kaum darüber nach. Und beherrschen, weil wir das Gefühl haben, unsere Sprache gehöre uns, und wir könnten entscheiden, was oder was nicht mit ihr geschieht.

Frei nach dem Motto: ”Ich lasse mir doch nicht vorschreiben, wie ich zu reden habe!”

Die Angst vor Bevormundung, Sprachkorsetten und moralischen Keulen ist bei vielen sehr groß — aber auch sehr unbegründet. Wenn mein Textverarbeitungsprogramm, die Begriffe Feminisierung, Genderzeichen, gendersensibel immer noch auf Biegen und Brechen autocorreten will, kann davon ausgegangen werden, dass hier niemandem, und zwar noch lange nicht, etwas aufoktroyiert werden wird.

Trotzdem sind die Einwände gegen mehr Gendersensibilität in der Sprache außerordentlich vielfältig. Da hört man von elitärem Gehabe, Sprachverstümmelung und feministischer Schikane.

Ich möchte heute ein paar der häufigsten Vorwürfe zusammenfassen und versuchen, Gegenargumente zu finden — ohne dabei noch mehr Öl ins Feuer zu gießen.

Kritik an gendersensibler Sprache

In erster Linie geht es vielen Menschen darum, dass gendersensible Texte das Auge und das Ohr irritieren. Binnen-Is stören den Lesefluss und Verdopplungen lassen Texte sperrig klingen. Beim Sprechen kommt dazu, dass Binnen-Is nicht einfach mitgesprochen werden können, sonst entsteht erst wieder der falsche Eindruck. Hörerinnen schließen — mit Recht? — Männer aus.

Die Alternative, die Gender Gap, irritiert viele Hörer*innen aber noch mehr. Die hörbare Lücke zwischen Hörer und innen wird sprachwissenschaftlich als Glottisschlag bezeichnet und ist im Deutschen eigentlich gar nicht so selten. Im Gegenteil: Überall dort, wo eine Silbe mit Vokal, als mit einem Selbstlaut (a, e, i, o, u), beginnt , ist er zu hören oder besser: nicht zu hören: aber, eben, immer, oder, und. Sogar innerhalb eines Wortes kommt er vor, immer dann, wenn eine neue Silbe mit Vokal anfängt: verʔändern, beʔachten, ʔerʔöffnen. Im letzten Beispiel kam der Glottisstop sogar zweimal vor. Bei der Aussprache dieser Wörter wird die Glottis, genauer genommen die Stimmritze im Kehlkopf kurz verschlossen und dann plötzlich geöffnet. Das folgende Beispiel zeigt, was passiert, wenn wir den Glottisschlag nicht machen: aus verreisen – zum Beispiel in den Süden – wird vereisen – zum Beispiel der Windschutzscheibe.

Der Glottisschlag ist im allerdings nicht überall im deutschsprachigen Gebiet gleich stark verbreitet. In Österreich zum Beispiel machen wir ihn nicht sehr konsequent. Fremd ist er uns aber auch nicht. Auch wir könnten uns theoretisch an die Hörer*innen gewöhnen.

Außerdem sollte Menschen, die ihr Geld mit Texten verdienen, zuzutrauen sein, zusätzlich zur Gender Gap andere sprachliche Mittel einzusetzen, um gendersensibel zu kommunizieren. Abgesehen von der gemeinsamen Nennung männlicher und weiblicher Formen eignet sich in machen Fällen der Einsatz von Partizipien sehr gut. Studierende oder Vortragende zum Beispiel. Und was ist mit zusammengesetzten Wörtern? Was spricht gegen Grundkurs statt Anfängerkurs? Oder Fachwissen statt Expertenwissen?

Es muss nicht immer das sogenannte generische Maskulinum sein, von dem ja immer behauptet wird, dass es ja eh auch die Frauen mitweinte: Bürger, Mieter, Physiker. Doch dieses ach so generische Maskulinum hat so seine Tücken.

Die Tücken des generischen Maskulinums

Natürlich, Sprache per se diskriminiert nicht. Ihre Sprecher*innen allerdings schon. Bewusst und unbewusst.

Und nein, ein Tisch ist nicht mehr oder weniger männlich als seine Kante. Wir kennen in der deutschen Grammatik drei Genera: Maskulinum, Femininum und Neutrum. Der Tisch ist also grammatikalisch gesehen männlich. Die Tischkante weiblich. Mit dem natürlichen, oder besser gesagt biologischen, Geschlecht der Menschen hat diese Unterscheidung sprachgeschichtlich nichts zu tun.

Soweit so gut. Doch nun kommt das große Aber: Sprachgeschichte und grammatikalische Kategorien sind die eine Sache, Sprachgebrauch und gesellschaftliche Kategorien sind etwas vollkommen anderes.

Das zeigt sich vor allem bei Bezeichnungen für Personen. In fast allen historischen Grammatiken findet man in irgendeiner Form die Regel, dass bei Personenbezeichnungen das grammatische mit dem natürlichen Geschlecht übereinstimmt. In verschiedensten Grammatikbüchern zwischen dem 16. und dem frühen 20. Jahrhundert hat man zahlreiche Beispiele für die Verwendung der Endung -in zur Bezeichnung von weiblichen Personen gefunden. Damals waren sogar noch Bezeichnungen gängig, die wir heute nicht mehr verwenden würden. Im Barock hat man zum Beispiel noch gesagt: die Waisin, die Heiligin. Und im 18. Jahrhundert waren auch noch die Doktorin oder die Magisterin gebräuchlich.

Trotzdem war das sogenannte generische Maskulinum lange Zeit ein “blinder Fleck” in der Grammatikforschung. Zwar hat es schon seit den 1960er Jahren immer wieder Hinweise darauf gegeben, dass Bezeichnungen für Männer auch für Frauen verwendet werden können, aber erst Mitte der 80er-Jahre ist drauf hingewiesen worden, dass es dadurch zu einer Doppeldeutigkeit kommt. Und genau das ist ein ganz wichtiger Punkt in der aktuellen Debatte um gendersensible Sprache.

Denn die Kritik am generischen Maskulinum heute richtet sich nicht an die Existenz dieses grammatikalischen Phänomens an sich. Es richtet sich an das Verschweigen eben dieser Doppeldeutigkeit.

Waren die Politiker jetzt nur Männer oder waren da auch Frauen am Verhandlungstisch?

Zum ersten Mal erwähnt wurde der Begriff generisches Maskulinum in der Duden-Grammatik von 1995. Dort hieß es: “Man empfindet das Maskulinum als neutralisierend bzw. verallgemeinernd.” Wohlgemerkt stammt dieser Satz aus einer Zeit, als diese Empfindung bei weitem nicht mehr von allen geteilt wurde. Bereits drei Jahre später muss das auch die Duden-Redaktion einsehen: “Besonders bei Berufsbezeichnungen und Nomina, die den Träger eines Geschehens bezeichnen (sogenannte Nomina Agentin), wird die Verwendung des generischen Maskulinums immer mehr abgelehnt.”

Das generische Maskulinum mag es geben, heute erzeugt es aber die falschen Bilder im Kopf. Mittlerweile konnte in zahlreichen Studien nachgewiesen werden, dass Bezeichnungen im sogenannten generischen Maskulinum nicht ganz so neutral sind, wie gerne vorgegeben wird.

Eine Übung

Vater und Sohn fahren nachts von einem Campingtrip zurück nach Hause. Sie geraten in einen schrecklichen Autounfall, bei dem der Vater tragischerweise ums Leben kommt. Mit dem Notarzthubschrauber wird der schwer verletzte Sohn ins nächste Krankenhaus geflogen, wo er notoperiert werden soll. Da beugt sich der Chirurg über den OP-Tisch und sagt: “Tut mir leid, ich kann nicht operieren. Das ist mein Sohn.” Was ist mit dem Vater passiert?

Richtig, er ist beim Unfall ums Leben gekommen. Das haben wir ja gehört. Der Chirurg im OP-Saal muss also der homosexuelle Partner des Verunglückten sein. Oder die leibliche Mutter des verletzten Jungen.

Warum fällt es uns schwerer hinter dem Begriff Chirurg eine Frau zu sehen? Auch wenn wir bereits so sehr sensibilisiert sind, dass uns nur für einen Sekundenbruchteil das Bild eines Zombie-Geister-Vaters in den Kopf schießt. Warum kann der Chirurg hier nicht instantan und automatisch die Mutter sein? Ist das nicht eigentlich die Verheißung des legendären generischen Maskulinums?

Offensichtlich ist die Sache also komplizierter. Hören wir Chirurg, Anwalt, Tischler oder Polizist, denken nur die allerwenigsten von uns im ersten Moment an eine weibliche Person. Vor allem die Kombination männlicher Bezeichnungen mit männlich dominierten Berufen ist in dieser Hinsicht besorgniserregend. Dazu gibt es mittlerweile eine ganze Reihe wissenschaftlicher Studien. Eine Auswahl findest du unten auf dieser Seite unter den weiterführenden Links.

Die Chirurgin ist eine Karrierefrau, eine unter wenigen, die es geschafft hat, die ihren Beruf über alles stellt, die ihren Beruf über ihre Familie stellt. Sie ist ein Randphänomen. Vorstellungen wie diese sind fest in unserem kollektiven Bewusstsein verankert. Sie sind unbewusst und gerade deswegen sehr mächtig. Um mit diesen Vorstellungen zu brechen, ist es wichtig, wenn nicht sogar notwendig, Mädchen und Frauen sichtbar zu machen.

Dass die Doppeldeutigkeit des generischen Maskulinums nicht einfach ist, sondern erst erlernt werden muss, zeigt die Beobachtung an kleinen Kindern. Wenn ich meinen Vierjährigen frage, wie viele Freunde er hat, bekomme ich zur Antwort: “Einen. Der heißt Lukas.” Und auf die naive Nachfrage, ob denn die Vanessa und die Laura jetzt nicht mehr seine Freunde wären — bei Kindern geht das ja oft sehr schnell — dann bekomme ich nur ein verständnisloses: “Ach,Mama, das sind doch meine Freundinnen.” Immer.

Gleichberechtigung zwischen Männern und Frauen dominiert zu Recht den öffentlichen und medialen Diskurs. Und solange Rätsel wie gerade eben noch funktionieren, ist sie noch lange nicht erreicht.

Herausforderungen gendersensibler Sprache

Das Anliegen der gendersensiblen Sprache ist aber nicht nur, Frauen sichtbar zu machen, sondern auch, nicht-binäre Personen anzusprechen. Ein anderer Vorwurf lautet allerdings, gendersensible Sprache würde das biologische Geschlecht derart überbetonen, dass dieses Ziel gar nicht erreicht werden könnte. Im Gegenteil, durch den ständigen Verweis auf Frauen, würden erst wieder Menschen ausgeschlossen, nämlich diejenigen, die sich weder als männlich noch als weiblich identifizieren.

Und solange wir über gendergerechten Sprachgebrauch sprechen, oder gar über Geschlechtergerechtigkeit, ist diese Kritik wahrscheinlich sogar berechtigt.

Ziel ist nicht totale Inklusion oder absolute Gerechtigkeit. Weder das eine noch das andere kann Sprache leisten.

Schon gar nicht, wenn es um die Komplexität moderner Lebenswelten geht. Bei der Forderung nach gendersensibler Sprache geht es um genau das, was draufsteht: um Gendersensibilität. Um die Fähigkeit, in einem konkreten Sprech- oder Schreibkontext adressatenadäquat zu kommunizieren. Es geht darum, ein Gefühl dafür zu entwickeln, wie wir mit dem Formenreichtum unserer Sprache all unsere Kommunikationspartner*innen ansprechen können.

Und dass wir dafür bis heute kein einheitliches Regelwerk haben, ist sogar eine gute Sache. Um gendersensibel zu kommunizieren braucht es keine Regeln, nein, darf es keine Regeln geben. Die uns einschränken würden. Die erst wieder ausschließen, anstatt zu inkludieren. Würden wir zum Beispiel das Binnen-I, den Gender Gap oder durchgehende Partizipien generalisieren, würden uns ganz viele sprachliche Mittel entgehen, mit denen wir  noch sensibler, noch offener kommunizieren könnten.

Das ist ein Hinweis darauf, dass die Veränderungen, die angeblich von oben über uns als Sprachgemeinschaft gestülpt werden, eigentlich von unten kommen. Von Medienhäusern, von öffentlichen Institutionen und Personen, die darin nicht einen Auftrag von einer höheren, einer noch höheren Instanz sehen, sondern einen Weg, die Gemeinschaft ihrer Adressat*innen im 21. Jahrhundert möglichst umfassend und wertfrei — oder zumindest wertarm — anzusprechen.

Der kleine Mann, wie man so schön sagt, und die kleine Frau tragen diese Regeln ohnehin meist nur passiv mit.

Niemand ist im privaten Bereich dazu verpflichtet, gendersensibel zu sprechen.

Frei nach dem Motto: “Man kann niemandem vorschreiben, wie er zu sprechen hat.”

Negative Effekte gendersensibler Sprache

Auch wenn ich hier versucht habe, allen Einwänden kritisch zu begegnen und Gegenargumente anzuführen, die auf Forschungsergebnissen und aktuellem sprachwissenschaftlichen Wissen beruhen — Fakt ist, dass viele Menschen gendersensible Sprache ablehnen. Die immer breitere Übernahme gendersensibler Sprache in der Öffentlichkeit könnte dazu führen, dass sich diese Menschen nur noch vehementer gegen diese und andere Vorschläge stellen. In der Psychologie würde man dann von Reaktanz sprechen.

Der Begriff Reaktanz lässt sich am besten mit der Corona-Pandemie erklären. Je unpopulärer die gesetzten Maßnahmen sind, desto mehr Menschen sind bereit, die Auswirkungen der Erkrankung zu verharmlosen. Und gleichzeitig auf ihre Freiheit zu pochen, auch wenn ihnen die vor der Pandemie gar nicht so wichtig war. Parallel dazu treten in der Debatte und gendersensible Sprache immer wieder Menschen auf, die die Rolle der Sprache, die wir verwenden, um über Dinge oder andere Menschen zu sprechen, unterschätzen. Weil ihnen Sprachpflege plötzlich wichtig ist.

Gesellschaftlicher Wandel tut oft weh. Als Frauen plötzlich an die Wahlurnen gelassen wurden, sind sofort eine ganze Reihe von Männerrechtlern aufs Tapet getreten, die ihren Unmut über die sogenannte “Weiberherrschaft” in Publikationen mit dem Namen “Notwehr” und dergleichen zum Ausdruck gebracht haben. Über die Abschaffung der Sklaverei ist in den Vereinigten Staaten gleich ein ausgewachsener Bürgerkrieg entbrannt. Wie haben wir alle geflucht und geschimpft, als wir uns Mitte der 1990er-Jahre “massive Eingriffe in unsere geliebte deutsche Sprache” haben gefallen lassen müssen. Ungeachtet der Tatsache, dass es sich dabei nur um eine Rechtschreibreform gehandelt hat — also bei weitem nicht um die massive Umwälzung der deutschen Sprache als solche.

Wir neigen eben dazu, Neues abzulehnen und kommen von alten Gewohnheiten nur äußerst schwer los. Dabei verlieren wir aber oft Machstrukturen aus den Augen, die durch gewisse soziale Praktiken perpetuiert, immer weiter fortgeschrieben werden. Und dazu gehören nun mal auch unsere Sprache und unser Sprechen.

Sprechen ist soziale Praxis

Es würde hier zu weit gehen, in die sprach- und sozialwissenschaftlichen Grundlagen einzutauchen. Aber ein kurzer Exkurs in die diskursanalytische Forschung kann uns nicht nur dabei helfen, zu verstehen, dass, sondern auch warum gendersensible Sprache positive Auswirkungen auf uns und unser gesellschaftliches Leben haben kann.

Sprache reproduziert und transformiert gesellschaftliche Realität.

Sprachgebrauch ist soziale Praxis, sprich soziales Handeln. Gesprochen wird immer in einem wie auch immer gearteten Machtverhältnis. Also es gibt natürlich erst einmal immer Sprecher *innen auf der einen und Hörer *innen auf der anderen Seite; aber dann gibt es auch noch die Gesellschaft, in der die beiden miteinander sprechen. Und dieses Netz an Verflechtungen und Beziehungen bestimmt immer mit, wer was zu wem, wann, wo und wie sagen darf, und was nicht. Es erlaubt manchen Menschen Dinge zu tun und hält gleichzeitig andere davon ab.

Eine zweisprachige Ortstafel macht Mehrsprachigkeit innerhalb einer Ortschaft sichtbar, und lenkt unsere Aufmerksamkeit auf ethnische Diversität. Der Begriff Erderwärmung auf der anderen Seite verharmlost das drohende Szenario einer Klimakatastrophe, und steuert so unsere Wahrnehmung diverser klimapolitischer Maßnahmen. Die Suche nach einem Techniker oder einer Technikerin bricht mit starren Rollenverteilungen, und eröffnet jungen Mädchen und Frauen neue berufliche Perspektiven.

Sprache ist also nie einfach nur ein neutrales Vehikel zur Informationsvermittlung. Sprache erzeugt Bilder im Kopf.

Positive Effekte gendersensibler Sprache

Gerade auf die Berufswahl und das Image bestimmter Berufe kann gendersensible Wortwahl großen Einfluss nehmen. Und das nicht nur in Stellenanzeigen. Auch in den Medien, den sozialen und den traditionellen, in Schulbüchern und auf allen anderen Kanälen, die jungen Menschen heute als Informationsquellen dienen.

Natürlich kann der Sprachgebrauch allein nicht per sofort tradierte gesellschaftliche Strukturen aufbrechen. Empirische Studien legen aber nahe, dass Mädchen und junge Frauen, tendenziell eher handwerkliche, technische oder prestigeträchtige Berufe zutrauen, wenn sie aus einer Liste wählen sollen, die sowohl die männlichen als auch die weiblichen Bezeichnungen enthält.

Natürlich ist es ein langer Weg, auf diese Weise die Bilder im Kopfkino zu verändern, dann zu warten, bis die Generation, die mit diesen Bildern aufwächst, ins erwerbstätige Alter kommt und am Arbeitsmarkt auch einen gesellschaftlichen, nicht nur sprachlichen, Wandel ins Rollen bringt. Aber es ist ein Anfang. Und nur so sind die angestoßenen Veränderungen auch nachhaltig. In der Zwischenzeit dient der Genderdiskurs in erster Linie dazu, Unsichtbares sichtbar zu machen.

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Exkurs

Ich persönlich benutze aktuell das Gendersternchen, um mit Schüler*innen, Kund*innen, Kolleg*innen und anderen Geschäftspartner*innen zu kommunizieren. Die Antwort auf die Frage warum und eine ausführliche Gegenüberstellung der gängigsten Möglichkeiten, gendersensible Sprache zu verwenden, gibt’s in diesem Blogeintrag.

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Ja, gendersensible Sprache kann zu einem offeneren Nachdenken über Geschlechterrollen führen. Zu einem Nachdenken über Gleichberechtigung und was das für einen demokratischen Staat wie Österreich bedeutet. Aber sie kann auch zu einem Nachdenken über die Rolle all jener führen, die sich zwischen den beiden traditionellen, oft wird gesagt: natürlichen, Geschlechtern bewegen.

Sprechen, sodass sich alle angesprochen fühlen

Wir beginnen also zu verstehen, dass über das Vehikel der gendersensiblen Sprache soll also etwas ermöglicht werden, das als eine Art gendersensible Kommunikation bezeichnet werden kann.

Gendersensible Sprache ist in diesem Sinne also kein orthographisches und typographisches Unding, kein elitäres Hirngespinst, mit dem man sich einbildet, die gute alte deutsche Sprache diskriminierungsfrei machen zu können.

Wir Menschen werden, ob wir es wollen oder nicht, auch in gendersensibler Sprache diskriminieren. Ziel muss es also sein, uns der Diskriminierung bewusst zu werden, um es beim nächsten Mal anders zu machen.

Gendern bedeutet also nicht, einen Haufen ungeliebter Regeln einzustudieren. Gendern ist in meinen Augen der Versuch, an unserer gemeinsamen Sprache zu arbeiten, um mit allen um uns herum auf Augenhöhe zu sprechen.

Bei gendersensibler Sprache geht es nicht um die Grammatik, es geht nicht einmal um Sprache im eigentlichen Sinn, es geht in erster Linie um Menschen.

Ausgewählte Studien zum generischen Maskulinum

Dagmar Stahlberg, Sabine Sczesny, Friederike Braun, (2001):
In: Journal of Language and Social Psychology. Band 20, Nr. 4, S. 464–469
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Vervecken, D. & Hannover, B., (2015):
in: Social Psychology, 46, 76-92
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Friedrich, M. C. G. & Heise, E., (2019):
in: Swiss Journal of Psychology, 78, 51-60
Das war’s für heute zum Thema “Gendersensible Sprache”. Schön, dass wir darüber gesprochen haben.
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